Schneidringverschraubung vs. Klemmringverschraubung?
Wer in der Fluidtechnik mit Rohrverschraubungen arbeitet, stößt unweigerlich auf diese Frage. Beide Verbindungstypen sehen auf den ersten Blick ähnlich aus – und doch trennen sie grundlegende Unterschiede in Funktion, Druckbereich und Einsatzgebiet.
Eine kleine Geschichte der Rohrverbindung
Es war das Jahr 1929, als der Ingenieur Hans Kreidel ein Patent auf eine neuartige Rohrverbindungstechnik erhielt: die Schneidringverschraubung. Zwei Jahre später, 1931, begann die Produktion im sächsischen Zöblitz unter dem Markennamen Ermeto – abgeleitet vom griechischen Wort hermetos, was so viel bedeutet wie „abgeschlossen" oder „dicht". Die Verschraubung überzeugte vor allem durch ihre einfache Montage mit lediglich zwei Schraubenschlüsseln und wurde schnell zum Standard in der Hydraulik und im Fahrzeugbau. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 war Ermeto zum weltweiten Marktführer für Rohrverschraubungen in Bremssystemen und der hydraulischen Schwerindustrie aufgestiegen.
Heute ist die Schneidringverschraubung – oft noch immer als „Ermeto-Verschraubung" bezeichnet – das am weitesten verbreitete Hochdruck-Verschraubungssystem für metrische Rohre weltweit. Parallel dazu hat sich die Klemmringverschraubung als bewährte Lösung für Niederdruckanwendungen in der Haustechnik und Sanitärinstallation etabliert.
Wie funktioniert eine Schneidringverschraubung?
Eine Schneidringverschraubung besteht aus drei Hauptkomponenten:
Verschraubungskörper (z. B. eine Armatur mit Außengewinde und 24°-Konus)
Schneidring (auch Ferrule genannt): ein konischer Ring mit einer oder zwei scharfen Schneidkanten, gefertigt aus einem härteren Material als das Rohr
Überwurfmutter
Das Funktionsprinzip ist so einfach wie genial: Beim Anziehen der Überwurfmutter wird der Schneidring in den 24°-Konus des Stutzens gedrückt. Dabei schneidet seine scharfe Kante in die Außenoberfläche des Rohres ein. Vor der Schneidkante bildet sich ein ringförmiger Wulst aus – dieser sorgt für eine außerordentlich gute Abdichtung und verhindert gleichzeitig, dass sich die Überwurfmutter löst. Das Ergebnis ist eine formschlüssige, flüssigkeits- und gasdichte Verbindung, die sich dennoch lösen und wieder montieren lässt.
Schneidringverschraubungen sind nach DIN EN ISO 8434-1 (ehemals DIN 2353) genormt und für Rohraußendurchmesser von 4 bis 42 mm ausgelegt.
Wie funktioniert eine Klemmringverschraubung?
Auch die Klemmringverschraubung besteht aus drei Teilen:
Grundkörper (mit Außengewinde und integrierter Stützhülse)
Klemmring (aus Messing, mit symmetrischem Doppelkonus)
Überwurfmutter
Der entscheidende Unterschied liegt im Wirkprinzip: Der Klemmring schneidet nicht in das Rohr ein – er klemmt sich darauf fest. Beim Festziehen der Überwurfmutter wird der Klemmring zwischen Mutter und Verschraubungskörper zusammengedrückt. Er verformt sich dabei leicht und schmiegt sich an die Rohroberfläche an, wodurch eine dichte und feste Verbindung entsteht.
Es gibt auch Doppelklemmringverschraubungen: Hier arbeiten zwei Ringe zusammen. Der hintere, härtere Ring greift in den vorderen, weicheren Ring und schiebt ihn axial vor, während er gleichzeitig radial gegen das Rohr gepresst wird. Dieses Zwei-Ring-Design gleicht Toleranzen im Rohraußendurchmesser und in der Wandstärke besser aus und sorgt für eine gleichmäßigere Druckverteilung.
Klemmringverschraubungen nach DIN EN 1254-2 sind für Kupferrohre und Polyamidrohre ausgelegt und werden typischerweise im Niederdruckbereich bis maximal 150 bar eingesetzt.
Der direkte Vergleich: Wo liegen die Unterschiede?
1. Wirkprinzip
Merkmal | Schneidringverschraubung | Klemmringverschraubung |
Verbindungsprinzip | Schneidring schneidet ins Rohr ein | Klemmring klemmt sich auf das Rohr |
Dichtung | Formschluss durch Einschnitt + Wulst | Kraftschluss durch Klemmung |
Rohrveränderung | Ja (Einschnitt in die Oberfläche) | Nein (Rohr bleibt unversehrt) |
2. Druckbereich
Hier liegt einer der markantesten Unterschiede: Schneidringverschraubungen sind für deutlich höhere Drücke ausgelegt. Während Klemmringverschraubungen typischerweise bis 150 bar eingesetzt werden, können Schneidringverschraubungen der Baureihe S Drücken von bis zu 630 bar standhalten – ein Wert, der in der Hochdruckhydraulik, im Schwermaschinenbau oder im Bergbau gefordert wird.
3. Werkstoffe
Schneidringverschraubungen werden je nach Anwendung aus Stahl, Edelstahl oder Messing gefertigt. Edelstahlvarianten kommen dort zum Einsatz, wo Korrosionsbeständigkeit und Temperaturstabilität gefragt sind – etwa in der Lebensmittel- oder Pharmaindustrie. Wichtig: Edelstahl-Schneidringverschraubungen müssen vorher in einem gehärteten Vormontagestutzen vormontiert werden, da sich die Gewindeflanken beim Anziehen sonst kaltverschweißen können.
Klemmringverschraubungen bestehen häufig aus Messing – einem Material, das für den Kontakt mit Trinkwasser geeignet ist. Für Niederdruckanwendungen sind auch Kunststoffvarianten aus PTFE, PA, PP oder PVDF erhältlich.
4. Anwendungsgebiete
Schneidringverschraubungen finden sich überall dort, wo hohe Drücke, Vibrationsfestigkeit und absolute Dichtheit gefordert sind:
Hydrauliksysteme (Pumpen, Zylinder, Ventile)
Fahrzeugtechnik (Bremsleitungen, Kraftstoffsysteme)
Mess- und Regeltechnik
Pharmazeutische Industrie und Luftfahrt
Schwermaschinenbau, Schiffsbau, Bergbau (Baureihe S)
Klemmringverschraubungen sind die erste Wahl in der Haustechnik und überall dort, wo Rohre nicht beschädigt werden dürfen:
Trinkwasser- und Sanitärinstallationen (mit DVGW-Prüfzeichen)
Heizungsanlagen und Solaranlagen
Gas- und Heizölinstallationen
Pneumatische Systeme und Druckluftleitungen
Mess-, Steuer- und Regelsysteme
5. Kompatibilität
Ein wichtiger Hinweis für die Praxis: Schneidring- und Klemmringverschraubungen sind untereinander nicht kompatibel. Obwohl sie äußerlich ähnlich aussehen können, unterscheiden sich Geometrie, Konuswinkel und Ringdesign grundlegend. Eine Verwechslung kann zu undichten Verbindungen oder sogar zu gefährlichen Druckverlusten führen.
6. Montage und Demontage
Beide Verschraubungstypen lassen sich lösen und wieder montieren – ein großer Vorteil gegenüber unlösbaren Verbindungen wie Press- oder Schweißverbindungen. Allerdings gibt es einen Unterschied in der Praxis:
Bei der Schneidringverschraubung muss nach jedem Lösen die Überwurfmutter mit dem gleichen Kraftaufwand wie bei der Erstmontage wieder festgezogen werden. Der Schneidring hat sich beim ersten Anziehen dauerhaft in das Rohr eingeschnitten – dieser Einschnitt bleibt erhalten und sorgt auch bei der Wiedermontage für Dichtheit.
Bei der Klemmringverschraubung ist die Demontage und Wiedermontage in der Regel einfacher und schonender, da das Rohr nicht beschädigt wurde.
Wann welche Verschraubung wählen?
Die Entscheidung hängt von drei zentralen Faktoren ab:
1. Betriebsdruck: Bei Drücken über 150 bar ist die Schneidringverschraubung die einzig sinnvolle Wahl. Im Niederdruckbereich – etwa in der Haustechnik – ist die Klemmringverschraubung vollkommen ausreichend.
2. Anwendungsbereich: Für Trinkwasser, Heizung und Sanitär ist die Klemmringverschraubung (mit DVGW-Zulassung) die normgerechte Lösung. Für Hydraulik, Fahrzeugtechnik und Industrieanlagen greift man zur Schneidringverschraubung.
3. Rohrmaterial: Schneidringverschraubungen erfordern nahtlos gezogene Rohre aus Metall oder harten Kunststoffen. Klemmringverschraubungen eignen sich auch für weichere Materialien wie Kupfer oder Polyamid – und in Kunststoffausführung sogar für Gummi- und Silikonschläuche.
Fazit
Schneidring- und Klemmringverschraubungen sind beide bewährte, lösbare Verbindungstechniken – aber für sehr unterschiedliche Anforderungen konzipiert. Die Schneidringverschraubung ist die robuste Hochdrucklösung für Hydraulik und Industrie, die durch ihr Einschneidprinzip eine außerordentlich feste und dichte Verbindung schafft. Die Klemmringverschraubung überzeugt in der Haustechnik und im Niederdruckbereich durch ihre schonende Klemmmethode, einfache Montage und Eignung für Trinkwassersysteme.
Wer die richtige Wahl trifft, spart Zeit, Kosten und vermeidet Leckagen. Und wer beide Typen kennt, erkennt auch auf den ersten Blick: Hier steckt mehr dahinter als nur ein Ring.

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